Ein Neustart für den Underhive

Seit 1995 gehört Necromunda zu den bekanntesten Skirmish-Systemen im Warhammer-40.000-Universum. Nach einer langen Veröffentlichungspause kehrte das Spiel 2017 mit einer vollständig überarbeiteten Neuauflage zurück. Die neue Edition hat das Regelwerk grundlegend modernisiert und den Grundstein für eine Vielzahl an Erweiterungen gelegt.
In den folgenden Jahren wuchs Necromunda kontinuierlich weiter. Neue Kampagnenbücher, Gang-Erweiterungen und Regelergänzungen machten das Spiel zu einem der umfangreichsten Spezialisten-Systeme von Games Workshop. Diese Fülle an Veröffentlichungen hatte allerdings auch ihre Schattenseiten, denn der Überblick über die verschiedenen Regelquellen wurde zunehmend schwieriger.
Am eigentlichen Spielsystem änderte sich während dieser Zeit vergleichsweise wenig. Dennoch erschienen mehrere Ausgaben des Core Rulebooks, die jeweils kleinere Korrekturen und Regelanpassungen, teils ganz neue Spielmechaniken, zum Beispiel die Nutzung von Fahrzeugen, enthielten.
Mit der neuen Edition zieht Games Workshop nun einen klaren Schlussstrich. Das bisherige Regelwerk wird vollständig ersetzt und die umfangreiche Bibliothek der vergangenen Edition verliert ihre Gültigkeit. Den Einstieg bilden fortan ein neues Core Rulebook sowie zwei neue Gang-Bücher, welche die vollständigen Regeln der enthaltenen Fraktionen abdecken. Das gesamte Spiel erscheint im Augenblick nur noch in englischer Sprache.
Der Inhalt der neuen Grundbox
Das neue Core Set ist in Deutschland direkt über Games Workshop für 130 Euro erhältlich. Angesichts der inzwischen üblichen Preise für Games-Workshop-Produkte fällt der Einstieg damit vergleichsweise günstig aus und bietet einen umfangreichen Inhalt.
Das Core Rulebook
Mit 168 Seiten fällt das neue Core Rulebook deutlich kompakter aus als sein über 300 Seiten starker Vorgänger. Trotz des geringeren Umfangs vermittelt das Buch einen aufgeräumteren Eindruck und konzentriert sich stärker auf die eigentlichen Kernregeln. Auf die Änderungen gehen wir im weiteren Verlauf des Artikels noch ausführlich ein.

Starter Guide und Referenzbögen
Neben der Bauanleitung für die Miniaturen enthält der Starter Guide sämtliche Regeln, die zum Spielen der beiden enthaltenen Gangs benötigt werden. Dadurch lässt sich unmittelbar mit dem Inhalt der Grundbox loslegen, ohne dass weitere Bücher erforderlich sind.
Der Regelumfang beschränkt sich allerdings bewusst auf den Inhalt der Box. Wer seine Gang später erweitern oder langfristig Kampagnen spielen möchte, kommt mittelfristig um mindestens eines der neuen Gang-Bücher nicht herum.
Ergänzt wird der Inhalt durch zwei Referenzbögen mit den wichtigsten Tabellen und Übersichten. Sie sind zwar keine zwingende Voraussetzung zum Spielen, erleichtern den Spielfluss jedoch ein wenig.
Core Card Deck
Zum Lieferumfang gehört außerdem das neue Core Card Deck. Es enthält sowohl die Gang Tactics Cards als auch Kartensets zur Unterstützung der Szenarioauswahl und des Kampagnenspiels.
Die Karten sind kein notwendiger Bestandteil des Spiels, sondern lediglich eine Quality-of-Life-Verbesserung. Viele Informationen stehen dadurch direkt am Spieltisch zur Verfügung, wodurch häufiges Nachschlagen im Regelbuch entfällt. Wer die Grundbox nicht erwerben möchte, kann beide Kartensets (zeitlich begrenzt) auch separat kaufen.

Spielmaterial
Neben den Miniaturen bringt die Grundbox alles mit, was für die ersten Partien benötigt wird. Enthalten sind ein vollständiges Necromunda-Würfelset, drei Blast- und Flammenschablonen sowie ein Kunststoff-Gussrahmen mit sämtlichen benötigten Spielmarkern. Diese lagen den bisherigen Boxen ausschließlich als Pappmarker bei und stellen in ihrer neuen Ausführung eine deutliche Qualitätssteigerung dar. Wer Wert auf ein stimmiges Gesamtbild legt, wird sie allerdings ebenfalls bemalen wollen.
Darüber hinaus enthält die Box einen 24-Zoll-Messstab aus stabilem Kunststoff sowie eine Spielunterlage. Insgesamt hinterlässt das Spielmaterial einen hochwertigen Eindruck. Einzig die Spielunterlage fällt etwas ab: Sie besteht aus glänzendem Papier und liegt durch die Knickfalze nicht vollständig plan auf dem Tisch. Für die ersten Partien erfüllt sie ihren Zweck, langfristig dürfte sie jedoch von den meisten Spielern ohnehin gegen eine hochwertigere Spielmatte oder einen gestalteten Spieltisch ersetzt werden.
Szenerie
Vertikale Spielfelder gehören seit jeher zu den prägenden Merkmalen von Necromunda. Kämpfe über mehrere Ebenen, verbunden durch Walkways, Leitern und Plattformen, verleihen dem Spiel seinen unverwechselbaren Charakter und unterscheiden es deutlich von vielen anderen Skirmish-Systemen.
Eine vollständige Underhive-Spielfläche mit mehrstöckiger Industriearchitektur wäre in einer Grundbox dieser Preisklasse allerdings kaum realisierbar. Stattdessen enthält das Set mehrere verfallene Rohrleitungen, die sich hervorragend als Deckung eignen und bereits in den ersten Partien für ein abwechslungsreicheres Spielfeld sorgen. Auch später bleiben die Geländestücke nützlich, da sie sich problemlos als Scatter Terrain in größere Spieltische integrieren lassen.



Miniaturen
Den eigentlichen Mittelpunkt der Grundbox bilden neben dem neuen Regelbuch natürlich die beiden enthaltenen Gangs. Mit den Escher – Blades of the Matriarch und den Goliath – Forge Smelters spendiert Games Workshop beiden Fraktionen jeweils acht komplett neue Miniaturen.
Stilistisch fügen sich die Modelle nahtlos in die bestehenden Miniaturenreihen ein. Sie ersetzen die bisherigen Bausätze nicht, sondern erweitern sie um neue Posen und zusätzliche Ausrüstungsoptionen. Gerade für Sammler und Kampagnenspieler stellen die neuen Modelle daher eine willkommene Ergänzung dar. Hier eine Metall-Miniatur aus den 1990ern, eine Escher -Gangerin aus der bisherigen Gang-Box und ein neues Modell:

Jede Gang verteilt sich auf zwei identische Gussrahmen mit jeweils vier Miniaturen. Alle Modelle können in zwei Varianten gebaut werden und bieten darüber hinaus einige kleinere Individualisierungsmöglichkeiten. Auch wenn die Auswahl an Einzelteilen überschaubar bleibt, eignen sich die Komponenten hervorragend als Grundlage für kleinere Umbauten oder den Austausch einzelner Waffen und Ausrüstungsgegenstände mit bereits vorhandenen Necromunda-Bausätzen.
Die Gussqualität bewegt sich dabei auf dem gewohnt hohen Niveau aktueller Games-Workshop-Kunststoffbausätze. Passgenauigkeit, Detailschärfe und Dynamik der Posen lassen kaum Wünsche offen und unterstreichen den hochwertigen Gesamteindruck der Box.









Regeländerungen
Als Games Workshop ankündigte, das Regelwerk umfassend zu überarbeiten und zu verschlanken, war die Sorge vieler Spieler groß: Würde Necromunda einen Teil seines komplexen, eigenständigen Spielgefühls verlieren? Muss die flexible Gangerstellung einem starren System wie in Kill Team weichen? Zwar wurden zahlreiche Mechaniken überarbeitet, die grundlegende Spielweise bleibt jedoch unverändert. Vielmehr wirkt die neue Edition an vielen Stellen aufgeräumter und zugänglicher.
Strafferer Spielfluss
Viele Regeln, die zwar für zusätzliche Atmosphäre sorgten, den Spielfluss aber verlangsamten, wurden aus dem Kernregelwerk herausgelöst und als optionale Regeln in das Arbitrator’s Toolkit verschoben. Dazu gehören unter anderem das Verbot des Premeasurements, Stray Shots oder Target Priority. Wer diese Mechaniken schätzt, kann sie weiterhin verwenden – für Einsteiger und Gelegenheitsspieler ist das Grundspiel dadurch jedoch deutlich zugänglicher.
Auch die Aktivierung der Modelle wurde übersichtlicher gestaltet. Es gibt nun ausschließlich Simple Actions, Double Actions und Free Actions. Das erleichtert den Einstieg erheblich und sorgt dafür, dass sich viele Abläufe schneller erschließen.
Eine weitere kleine Änderung betrifft die Darstellung von Zuständen. Modelle werden nicht länger hingelegt, sondern ihre Spielzustände ausschließlich über Marker dargestellt. Das sorgt für mehr Übersicht auf dem Spielfeld und schont gleichzeitig die bemalten Miniaturen.
Zusätzlich besitzen alle zu Fuß kämpfenden Modelle nun einen Sichtbereich von 360 Grad. Die bisherigen Sichtwinkel auf den Rundbases entfallen vollständig, wodurch Diskussionen über Sichtlinien deutlich seltener werden dürften.
Fernkampf
Im Fernkampf wurden mehrere Mechaniken grundlegend überarbeitet. Reichweitenmodifikatoren beeinflussen die Trefferwahrscheinlichkeit nicht länger direkt. Auch Deckung verbessert nun ausschließlich den Schutzwurf des Ziels und nicht mehr die Trefferwahrscheinlichkeit. Befindet sich ein Ziel auf großer Entfernung, erhöht dies zusätzlich den Deckungsbonus. Gleichzeitig gibt es nur noch die Unterscheidung zwischen „in Deckung“ und „nicht in Deckung“ – die bisherige Abstufung entfällt.
Auch die Trefferwürfe wurden vereinfacht. Eine natürliche 1 verfehlt ihr Ziel weiterhin automatisch, während eine natürliche 6 nun grundsätzlich trifft – selbst dann, wenn rechnerisch eigentlich ein höherer Wert erforderlich wäre.
Die Rapid Fire Dice kommen nur noch bei Waffen mit entsprechender Sonderregel zum Einsatz. Dadurch können gewöhnliche Waffen auch nicht mehr das Ergebnis Out of Ammo erzielen. Diese Änderung reduziert den Verwaltungsaufwand während einer Partie spürbar.
Auch die Auswirkungen erfolgreicher Treffer wurden überarbeitet. Der bisherige Zustand Pinned heißt nun Suppressed. Wesentlich einschneidender ist allerdings der Wegfall der Flesh Wounds. An ihre Stelle tritt der Zustand Injured, der die Fähigkeiten eines Modells stark einschränken kann, da betroffene Kämpfer ihre Skills vorübergehend nicht mehr einsetzen dürfen.
Nahkampf
Auch im Nahkampf wurde das Regelwerk an mehreren Stellen modernisiert. Modelle gelten nun nur noch dann als Engaged, wenn sie sich tatsächlich im Basekontakt befinden. Die bisherige 1-Zoll-Zone entfällt hier vollständig.
Nahkämpfe werden jetzt in absteigender Reihenfolge der Initiative abgehandelt. Angreifende Modelle erhalten dabei einen Bonus von +2 auf ihre Initiative, während besonders schwere Waffen ihren Träger auf Initiative 1 reduzieren. Das erinnert stellenweise an das Kampfsystem aus Warhammer: The Old World.
Außerdem reagiert der verteidigende Spieler nicht mehr mit einer vollständigen Gegenattacke. Stattdessen führt das aktive Modell in einem Kampf alle seine regulären Attacken aus und kann zusätzlich einen Angriff mit einer Nebenwaffe durchführen, während der Verteidiger lediglich eine einzelne Attacke ausführt.
Verletzung und Flucht
Seriously Injured-Kämpfer erhalten nun zusätzliche die Möglichkeit, sich in ihrer Aktivierung selbst zu versorgen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wieder in den aktiven Kampf zurückzukehren.
Die Bottle Tests folgen einer vollständig neuen Mechanik. Immer wenn eine Gang in einer Runde ein Modell verliert, wird ein Bottle Test abgelegt. Misslingt dieser, flieht ein Kämpfer nach Wahl des Spielers. Sobald mindestens ein Drittel der Gang ausgeschaltet oder geflohen ist, darf sich die gesamte Gang freiwillig zurückziehen. Das neue System ist deutlich leichter verständlich als die bisherige Berechnung.
Kampagne und Gangentwicklung
Auch zwischen den Spielen stehen den Gangmitgliedern nun mehr Möglichkeiten offen. Sämtliche Charaktere können in der Nachspielphase Aktivitäten durchführen – darunter erstmals auch Training, um zusätzliche Erfahrungspunkte zu erhalten.
Der Einkauf auf dem Black Market funktioniert ebenfalls anders. Kaufoptionen auf Seltene Ausrüstung werden nicht länger über Würfelwürfe ermittelt, sondern über Trade Points, die durch den Einsatz von Gangmitgliedern erwirtschaftet werden. Zufall spielt hierbei folglich keine Rolle mehr.

Gang Tactics und Szenarien
Die Gang Tactics sind nun fester Bestandteil des Spiels und keine optionale Ergänzung mehr. Jede Gang verfügt über ein eigenes Set an Taktiken, das sich im Verlauf einer Kampagne durch neue Champions und andere Entwicklungen erweitert. Welche zusätzlichen Karten hinzukommen, wird zufällig bestimmt.
Nicht mehr Bestandteil des Core Rulebooks sind dagegen klassische Szenarien. Das Buch bietet lediglich ein System, mit dem sich Aufstellung und Missionsziele zufällig erzeugen lassen. Wer die umfangreichen Szenarien früherer Editionen schätzt, muss daher auf ergänzende Publikationen zurückgreifen.

Resümee
Seit der ersten Edition begleitet mich Necromunda nun schon viele Jahre – wenn auch mit längeren Spielpausen dazwischen. Vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb ich die neue Edition so positiv wahrnehme. Die zahlreichen Regeländerungen vereinfachen das Spiel an vielen Stellen, ohne ihm seinen charakteristischen Spielstil zu nehmen. Statt einer grundlegenden Neuausrichtung wirkt das neue Regelwerk vielmehr wie eine konsequente Weiterentwicklung.
Die Überarbeitung des Regelbuchs finde ich sehr positiv. Die neue Struktur ist deutlich übersichtlicher, Regeln lassen sich schneller finden und viele Formulierungen sind klarer und eindeutiger als bisher. Obwohl ich das optische Erscheinungsbild der bisherigen Bücher sehr gern mochte, muss ich im direkten Vergleich feststellen, dass die neue Optik dem Buch guttut.
Nicht jede Änderung wird langjährige Spieler gleichermaßen begeistern. Die Auslagerung optionaler Regeln in das Arbitrator’s Toolkit ist hier eine gute Kompromisslösung, mit der man Neueinsteigern und Gelegenheitsspielern deutlich macht, welche Regeln nicht nötig sind, diese aber weiterhin für regelmäßige Spieler implementiert lässt es jeder Spielgruppe überlassen bleibt, diese Elemente weiterhin zu verwenden. Das eigentliche Grundspiel profitiert jedoch spürbar von der gestrafften Struktur und dem flüssigeren Spielablauf.
Für Neueinsteiger ist das Core Set aus meiner Sicht eine uneingeschränkte Empfehlung. Die Box bietet alles, was für die ersten Partien benötigt wird, und vermittelt einen hervorragenden Eindruck davon, was Necromunda als Spiel ausmacht. Wer Gefallen an dem System findet, wird die zusätzlichen Bücher benötigen, erhält mit der Grundbox jedoch eine solide und vergleichsweise preiswerte Basis.
Bereits aktive Spieler müssen die Box dagegen nicht zwingend erwerben. Wer bereits über Gelände, Spielmaterial und eine passende Gang verfügt, benötigt im Grunde lediglich das neue Core Rulebook. Wer allerdings Gefallen an den neuen Miniaturen findet, erhält hier ein rundes Gesamtpaket mit einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis.
Unter dem Strich ist Games Workshop mit der Neuauflage ein schwieriger Balanceakt gelungen. Das Regelwerk wurde spürbar entschlackt und an vielen Stellen modernisiert, ohne dabei den Charakter von Necromunda zu verlieren. Auch wenn alles bisherige Regelmaterial keine Gültigkeit mehr hat, ist mich ist die neue Edition kein Bruch mit ihrem Vorgänger, sondern die bislang ausgereifteste Version des Spiels.
Text & Bilder: Christian Schmal
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt














































































